Was mich meine Reisen gelehrt haben

In meinem letzten Post ging es darum, was mich meine Reisen gelehrt haben. Andere Kulturen kennenzulernen, hat mir die Augen für das Wesentliche im Leben geöffnet. Ein prägendes Erlebnis in dieser Hinsicht war auch die Nacht, die meine Freundin Petra und ich bei einer südafrikanischen Familie verbrachten. Mittlerweile ist das Ganze schon 15 Jahre her. Während unseres Südafrika-Trips verbrachten wir einige Tage in Coffee Bay. In unserem Hostel entdeckte ich einen Aushang, auf dem für einen sogenannten “Hut-Sleepover” geworben wurde. Hinter diesem Begriff verbarg sich angeblich ein traditioneller Abend mit Essen, Tanz und Gesang bei den Einheimischen im Dorf. Als ich Petra davon erzählte, platzte diese nicht gerade vor Begeisterung, ließ sich aber schließlich von mir überreden.

Es ging also los. Oder auch nicht. Jedenfalls nicht zu der abgemachten Zeit. Auch zwei Stunden später warteten Petra und ich noch immer vergeblich darauf, von jemandem abgeholt und ins Dorf gebracht zu werden. Inzwischen war uns jedoch die Lust auf den Ausflug vergangen. Wir begaben uns an die Rezeption unseres Hostels und erklärten der Angestellten, dass wir unser Geld zurück haben wollten, da wir nunmehr andere Pläne hätten. Die hatten wir tatsächlich. Wir freuten uns nämlich insgeheim schon auf eine weitere Nacht mit Rum und Trinkspielen in der Bar nebenan. Man teilte uns allerdings mit, dass es unmöglich wäre, den Trip jetzt noch abzusagen, da wir fest für das Abendessen eingeplant waren. Angeblich sollte uns wohl der Sohn der Familie, bei der wir die Nacht verbringen würden, abholen. Wo dieser steckte, wusste man im Hostel jedoch auch nicht. Man versicherte uns aber, dass in den nächsten 20 Minuten jemand auftauchen würde, um uns ins Dorf zu geleiten. So war es dann auch. Ein junger Mann, der nur wenige Brocken Englisch sprach, wies uns den Weg.

Die Wanderung durch die Berge und Dörfer mit all den winzigen Rundhütten ließ uns unseren Ärger schnell vergessen. Das, was wir in den letzten Tagen lediglich im Vorbeifahren hatten beobachten können, erlebten wir nun aus nächster Nähe. Allein hätten wir uns natürlich nie so nah an die Dörfer heran getraut. Schließlich waren wir in Südafrika und von Ausflügen jenseits der Touristenroute wurde strengstens abgeraten.

Kurz nach Sonnenuntergang erreichten wir unsere Hütte. Eine ältere Frau – offenbar die Mutter – war damit beschäftigt, das Haus auf Vordermann zu bringen. Dabei half ihr ein junges Mädchen – vermutlich ihre Tochter. Unser Dinner kochte schon draußen auf dem offenen Feuer in zwei rostigen Töpfen. Im dritten Topf wanderte eine abgemagerte Ziege herum.

Unser Begleiter erklärte uns, dass außer dem Sohn niemand Englisch sprach und verabschiedete sich dann. Wenig später erschien dann auch der Sohn. Und zwar betrunken und bekifft. Na ja, wenigstens einer von uns hatte Spaß. Er grüßte kurz und knapp und war dann auch schon wieder verschwunden.

Petra und ich standen noch immer vor der Hütte. Wir beschlossen, uns erst einmal zu setzen und abzuwarten. Wenig später gab die Mutter uns zu verstehen, dass es Zeit für das Abendessen war. Wir begaben uns in die Hütte und hatten nun endlich Gelegenheit, diese genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie bestand aus lediglich einem Raum, was uns kaum überraschte, war doch das gesamte Häuschen kleiner als mein Zimmer zu Hause. In einer “Ecke” stand ein sorgfältig aufgeräumter Schrank mit einigen wenigen Lebensmittel-Vorräten, daneben ein Kleiderständer mit ein paar Gewändern. Außerdem gab es ein Bett und auf dem Fußboden lagen zwei Matratzen, offensichtlich für Petra und mich. Nicht ganz ins Geschehen passte das Radio, das im Hintergrund spielte. Strom gab es hier nicht, es musste also mit Batterien betrieben werden. Wahrscheinlich hatte man diese extra für unseren Besuch angeschafft. Und dann dieser Geruch! Es stank ganz erbärmlich nach Verräuchertem, so, als hätte man im Inneren der Hütte ein Feuer gezündet. Petra und mir tränten regelrecht die Augen.

Wir setzten uns also auf unsere Matratzen und schauten zu, wie die Mutter das Essen servierte. Sie stellte Teller und Gläser vor uns und holte dann den ersten Topf vom Feuer. Bevor die Frau mit dem Auffüllen begann, schob sie sich den Löffel noch mal selbst in den Mund und trug mir dann mit eben diesem die erste Portion auf. Es handelte sich um einen Mix aus Bohnen, Reis und noch etwas anderem Undefinierbaren. Mittlerweile war auch der Sohn wieder da. Zum Essen hatten sich außerdem zwei kleine Kinder eingefunden. Diese waren scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und löffelten nun lammfromm ihren Brei. Auch für uns war es an der Zeit, das Essen zu probieren. Ich unternahm einen vorsichtigen Versuch und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass das, was sich da auf unseren Tellern befand, nicht so übel schmeckte, wie es aussah. Ich blickte zu Petra herüber und sah ihr sofort an, dass sie meine Meinung diesbezüglich nicht teilte. Bestätigend flüsterte sie mir zu: “Ich spuck gleich!” Nun gut, es gab ja noch einen zweiten Gang. Als ich von diesem probierte, wurde jedoch auch mir schlecht! Glücklicherweise waren die Portionen so groß bemessen, dass es selbst bei einem köstlichen Mahl nicht möglich gewesen wäre, alles aufzuessen. Für die nächsten Minuten schoben wir die kneteartige Masse also auf dem Teller herum und gaben sie letztlich fast vollständig zurück. Böse schien man uns darüber nicht, die Reste wanderten halt einfach wieder zurück in die Kochtöpfe. Die Mutter spülte das Geschirr und fegte dann die Hütte aus. Dabei halfen ihr weder Tochter noch Sohn. Auch Petra und ich beobachteten sie nur stumm bei der Arbeit und fühlten uns dabei wirklich mehr als unbehaglich. Gern wären wir der Frau zur Hand gegangen. Wir wussten allerdings, dass sie unser Angebot nie akzeptiert hätte. Stattdessen versuchten wir, ein Gespräch mit dem Sohn anzufangen. Gut, so wirklich Englisch sprach der auch nicht. Immerhin reichten seine Sprachkenntnisse jedoch aus, um uns die Namen der einzelnen Familienmitglieder mitzuteilen. Unsere Vermutung, dass es sich bei den beiden Frauen um seine Mutter und Schwester handelte, bestätigte sich ebenfalls. Dann verstummte die Konversation aber auch schon wieder.

Petra und ich hatten natürlich Tausende von Fragen. Wie alt war die Mutter? Sie schien alt, war es aber vermutlich nicht. Das Leben auf dem Land war hart und ging nicht spurlos an den Menschen vorbei. Wo war der Familienvater? Zu wem gehörten die Kinder, die zum Essen erschienen und danach wieder spurlos im Dunkel der Nacht verschwunden waren? Warum ließ sich der Sohn hier von seiner Mutter bedienen, ohne auch nur den geringsten Handgriff im Haushalt zu tätigen? Und: Können wir die Tür über Nacht auflassen, denn der Geruch in der Hütte war schon bei offener Tür kaum auszuhalten?!

Nun, zumindest die letzte Frage blieb nicht unbeantwortet. Mit einem kräftigen Schlag wurde die Tür zugestoßen. Offenbar war es nun Zeit für die Nachtruhe. Es vergingen keine fünf Minuten und schon war die gesamte Familie auf dem Bett eingeschlafen. Petra und ich staunten nicht schlecht. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte, ob die drei nun wach waren oder lauthals neben uns schnarchten. Unterhalten konnten wir uns ja eh nicht miteinander. Gemessen an europäischen Maßstäben war dies jedoch schon ziemlich unglaublich: einfach so ins Bett gehen, wenn einem der Besuch über ist.

Da lagen Petra und ich nun also nebeneinander auf unseren Matratzen. Ich hatte schon ein verdammt schlechtes Gewissen, dass ich sie zu diesem Abenteuer überredet hatte. Petra wiederum schien überhaupt nicht böse zu sein. Sie bezeichnete das Ganze sogar als “Erlebnis, für das man mit Geld gar nicht bezahlen kann”. In genau diesem Augenblick wusste ich, dass es wohl niemanden sonst gab, mit dem ich diese Erfahrung hätte teilen wollen.

Petra und ich unterhielten uns in dieser Nacht noch lange, über die Armut der Menschen in diesem Land und darüber, wie gut wir es doch hatten. Das Geld, das wir mitunter an einem Abend in einer Bar ausgaben, war wahrscheinlich genug, um eine ganze Familie einen Monat lang zu ernähren. Wir redeten über die Einfachheit des Lebens dieser Menschen: kein Strom, kein fließend Wasser, es gab ja nicht einmal eine Toilette. Wir schienen dagegen kaum ohne Dinge wie Fernsehen, Ipod, Kosmetikpads und teure Body-Lotion auszukommen. Uns wurde bewusst, welch Glück es bedeutete, in einem Erste-Welt-Land geboren und aufgewachsen zu sein, die Möglichkeit zu haben, zu reisen und Abenteuer wie eben dieses zu erleben. Während unseres Trips durch Südafrika hatten wir uns oft gefragt, wie die Menschen in den Dörfern wohl leben würden. Nun, wir hatten das Glück, es herauszufinden, und zwar auf die beste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann. Wir hatten die Möglichkeit, eine Familie einen Abend lang zu beobachten, ohne selbst wirklich wahrgenommen zu werden.

Natürlich versackten wir auch nach dieser Nacht immer mal wieder in irgendwelchen Bars und gaben zu viel Geld für Getränke aus. Letztlich ist ja auch das ein Teil des Backpacker-Lebens. In den folgenden Nächten war jedoch weder Petra noch mir nach Feiern zumute. Die Nacht in der Hütte hatte etwas in uns verändert, ja, sie hatte uns die Augen geöffnet. Statt wieder einmal durch die Clubs zu ziehen, spendeten wir das Geld, was wir normalerweise für Drinks ausgaben, für ein regionales Projekt. Das Gefühl, zumindest ein bisschen geholfen zu haben, war doch um so vieles besser als der Kater am nächsten Morgen.

Diese Geschichte ist ein Auszug aus meinem im Jahre 2009 veröffentlichtem Buch „Einmal im Leben mutig sein“.

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